19.03.2023 | Erlebte Geschichte - 50 Jahre in Finnland

In seinem mit Bildern unterlegten Vortrag „50 Jahre Finnland – Rückblicke und Ausblicke” blickte Joachim Bussian (Pressereferent der Deutschen Botschaft Helsinki i.R.) am Sonntag 19.03.2023 im Kulturzentrum „Bauhof Hemmingen“ bei Hannover vor zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörern auf seine in Finnland erlebte Zeit zurück und erzählt über seine Erlebnisse als Deutscher in Finnland in den letzten fünf Jahrzehnten aus privater, aber auch der Sicht des langjährigen Presserefenten und Übersetzers und Dolmetschers der Deutschen Botschaft. Eine spannende Reise zum miterleben!

 

Joachim Bussian kam erstmalig im Juli 1972 als Student nach Finnland. Zu der Zeit war das Land vollständig agrarisch geprägt. Handel mit der Sowjetunion basiert auf Tauschhandel: Erdöl und Gas gegen Eisbrecher und Lebensmittel. Aus den nordischen und westlichen Ländern erfolgte Einfuhr von Gütern, die in Finnland lebenswichtig waren: Kraftfahrzeuge, Geräte und Anlagen sowie Chemieerzeugnisse. Die finnische Lebensmittelindustrie litt unter Überproduktion, deshalb suchte man in finnischen Supermärkten vergebens nach deutschen Produkten.

 

Politisch regierte seit 1956 Präsident Urho Kekkonen. Politischer Besucheraustausch fand überwiegend mit der Sowjetunion und den Ländern des Ostblocks statt. Im Herbst 1982 musste Präsident Kekkonen aus gesundheitlichen Gründen zurücktreten. Seit 26 Jahren fand wieder eine Präsidentenwahl statt, die eine politische Umwälzung mit sich brachte. Der agrarisch-konservative Kekkonen bekam am 1.3.1983 einen sozialdemokratischen Nachfolger, Dr. Mauno Koivisto. Er hat vor allem den Parlamentarismus gestärkt und die Stellung des Parlaments reformiert, zu Lasten der Stellung des Präsidenten. Er besuchte bei einem Staatsbesuch einen Monat vor dem Mauerfall die Bundesrepublik Deutschland.

 

Finnland sah sich nach dem Mauerfall und der deutschen Wiedervereinigung in einer vollkommen neuen Situation vor. Auch in Finnland wurden Stimmen laut, die den Beitritt zur EFTA (Europäische Freihandelszone) und sogar den Beitritt zur EWG (Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, später EU) forderten. Ein Besuch von Bundeskanzler Helmut Kohl bei der Generalversammlung des Nordischen Rates am 5.2.1992 hatte erhebliche Auswirkung: Kohl versprach Hilfe der Bundesregierung allen den Ländern mit einer demokratischen Verfassung, die auch den europäischen Aquis erfüllen. Von den nordischen Ländern bewarben sich alle Länder, die noch nicht EG-Mitglied waren, also Schweden, Norwegen und Finnland. Finnland konnte seine Beitrittsverhandlungen innerhalb von einem Jahr abschließen. Im September 1994 fand das Referendum statt, das die finnische Bevölkerung mit 56,9 % befürwortete. Damit öffnete sich für Finnland die Tür zur europäischen Familie.

 

Innerhalb weniger Jahre wurde Deutschland zu einem der drei wichtigsten Handelspartner zusammen mit Schweden und Großbritannien. Deutschland lieferte alles: von der Senftube im Supermarkt bis hin zur Sicherheitstechnik und Generatoren in Kernkraftwerken. Gleichzeitig entwickelte sich in Finnland der frühere Gummistiefelhersteller Nokia zum globalen Mobiltelefonhersteller. Der Slogan „Connecting people“ wurde zum Symbol der neuen Zeit nach der Isoliertheit der Nachkriegsjahre und des Kalten Kriegs. Finnland wandelte sich zum hoch digitalisierten, innovativfreudigen und technologieaffinen Musterschüler der EU, mit einer modernen Bildungs- Gesundheits- und Gleichstellungspolitik, den deutsche politische Delegationen nur zu gerne besuchen. Hinzu kommt, dass Finnland trotz der Energiewende in Deutschland weiterhin auf Kernkraft setzt, aber auch den Bürgerinnen und Bürgern einen Mix aus erneuerbaren, fossilen und nuklearen Energiequellen anbietet.

 

Einen wichtigen Punkt nahm in seinem Vortrag auch die aktuelle geopolitische Situation in Nord-Osteuropa ein: Kein Mensch hätte noch vor 10 Jahren daran geglaubt, dass das neutrale Finnland jemals einen Antrag zur Aufnahme in die Nato stellt – und jetzt wird dieser Schritt von der großen Mehrheit der Bevölkerung unterstützt, da das Vertrauen in den Nachbarn Russland durch den Angriffskrieg gegen die Ukraine nachhaltig zerstört ist.

 

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Einladung am 19.3.2023 im Kulturzentrum „Bauhof Hemmingen" Dorfstraße 53, Hemmingen
Diplomatie hautnah - 50 Jahre in Helsinki
Ein Abend mit Joachim Bussian
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Gast beim IndustrieClub Hannover -   Made in Finland:digital, innovativ, nachhaltig in die Zukunft

Finnland – Starker Partner für die deutsche Wirtschaft“  Impulsvortrag von der Botschafterin der Republik Finnland, Anne Sipiläinen  

Am 2.2.2023 Gestern war die finnische Botschafterin Anne Sipiläinen zu Gast bei der KONE Academy im Rahmen einer Veranstaltung des IndustrieClubs Hannover. Kooperationspartner waren als  Finnisch-Deutsche Handelsgilde zu Hannover, zusammen mit  dem Skandinavische Wirtschaftsverein.

 

Deutschland ist seit 2014 der größte Handelspartner Finnlands und seit Jahrzehnten wichtiger Handelspartner für finnische Unternehmen. Durch den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine gibt es auch Veränderungen in wirtschaftlichen Schwerpunkten Deutschlands. Die deutsche Regierung treibt nunmehr ehrgeizige Pläne für einen digitalen und grünen Wandel voran, der viele Chancen auch für finnische Unternehmen bietet, besonders im Bereich erneuerbarer Energien und Wasserstoff, sowie in der Biowirtschaft, Bauwirtschaft und Mobilität. So entstehen viele interessante Möglichkeiten, wie man die Partnerschaft zwischen den Ländern generell vertiefen könnte, denn finnische und deutsche Unternehmen passen oft gut zusammen: Deutschland ist weiterhin hochqualitativ oft  hardwareorientiert, während Finnland sich mehr auf Software konzentriert, was zu einer eindeutigen Win-Win-Situation für beide Seiten führt.

 

Im April gibt es traditionell im Rahmen der Hannover Messe wieder eine großartige Möglichkeit für einen Austausch zwischen finnischen und deutschen Unternehmen, um Kooperationsmöglichkeiten zu analysieren. 

Ein herzlicher Dank für die angenehme Gastfreundschaft geht an das ganze KONE-Team (spannende Führung durch die KONE Akademie!) und das Team des Industrieclubs für den gelungenen Abend und Austausch.